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14.04.12
Dr. Georg Winter
1972-2012 : 40 Jahre Winter Modell – eine mutige Rede und ihre Folgen
Dr. Georg Winter widmete seine Festrede zum 125. Jubiläum des Diamantwerkzeug-Unternehmens Ernst Winter & Sohn 1972 vorrangig dem Umweltschutz. Diese denkwürdige Rede wurde zur Geburtsstunde des Winter-Modells für umweltbewusste Unternehmensführung, das als weltweit erstes integriertes Modell die Ära der umweltorientierten Managementsysteme eröffnete.

Am 14. April 1972 ergreift Firmenchef Winter vor mehreren hundert Mitarbeitern das Wort und stellt das Firmenjubiläum in einen naturgeschichtlichen Kontext: 125 Jahre sind ein verschwindend kleiner Zeitraum angesichts eines Erdalters von 4,5 Milliarden Jahren. Was dann die Evolution in Jahrmillionen optimiert habe, dürfe nicht in einer erdgeschichtlichen Sekunde durch eine Fehlleitung der technischen Zivilisation aufs Spiel gesetzt werden. Umweltverträgliches Wirtschaften müsse zu einem Unternehmensziel werden.

Den Anstoß zu dieser mutigen Rede erhielt Winter durch die Lektüre des Buches "Todeskandidat Erde" von Ernest E. Snyder, einer kritischen Abhandlung über die ökologischen Folgen des menschlichen Fortschrittswahns. Winter hatte das Buch so sehr beeindruckt, dass er als Unternehmer zum Pionier für umweltbewusstes Management wurde. Jeder Mitarbeiter erhielt das Buch als Jubiläumsgeschenk zur eigenen Lektüre.

Umweltschutz – Gesamtlösung statt Flickwerk

"In den frühen Siebziger Jahren beschränkte sich der Umweltschutz noch weitgehend auf die umweltgerechte Entsorgung von Abfällen, Abwässern und Abgasen," erzählt Winter rückblickend. "Ich erkannte, dass sich besonders vorbeugendes Handeln lohnt, etwa die Verwendung umweltverträglicher Rohmaterialien, die Verringerung des Energie- und Wasserverbrauchs bei der Produktion und die Aufklärung der Mitarbeiter über den Umweltschutz.“

Mit seiner Jubiläumsrede 1972 gab er den Anstoß für das später sogenannte „Winter-Modell“, nach dem Schritt für Schritt das ganze Unternehmen umgekrempelt wurde: „Wir entwickelten ein integriertes System umweltorientierter Unternehmensführung, in das sukzessive alle Unternehmensbereiche einbezogen wurden – von der Programmpolitik bis zur Forschung und Entwicklung, von der Materialwirtschaft bis zur Produktion und zum Recycling, von der Bauweise neuer Fertigungsstätten bis zur Wahl der Firmenfahrzeuge“, erläutert Winter.

Umweltschutz – "Mannschaftssport" statt Exotenhobby

„Für die Auszubildenden wurden umweltbezogene Bildungsausflüge veranstaltet. Mitarbeiter durften für ihren Privathaushalt auf Firmenkosten einen Umwelt- berater anfordern, der ihnen Empfehlungen zur umweltorientierten Haushaltsführung gab“, ergänzt Winter. „Unser Kerngedanke war: Wer die Umwelt in seinem Hause schützt, der tut es auch im Betrieb. Eine Welle der Innovation ergriff die Mitarbeiter. Im Jahre 1989 wurde unser Verbesserungs-Vorschlagswesen vom Deutschen Institut für Betriebswirtschaft e.V. als das beste in der metallverarbeitenden Industrie ausgezeichnet.“

Der Wille zur Nachhaltigkeit wird im Führungsteam und in der Mitarbeiterschaft gezielt gefördert, Umweltschutz wird zur Chefsache: Die Inhaber ernennen ihren Mitarbeiter Werner Grützke zum ersten Umweltbeauftragten. 1979 übernimmt Dr. Maximilian Gege (Foto rechts) diese Aufgabe, von 1985 bis 1989 als Direktor für Unternehmensplanung und Umwelt. Daneben wird im Bereich Technik ein Leiter der Abteilung Umweltschutz als Exekutivorgan für technische Umweltaufgaben verantwortlich. Der „interdisziplinäre Umweltausschuss“ verabschiedet den Umweltaktionsplan und legt Rechenschaft ab über erreichte und nicht erreichte Ziele. Auf dieser Basis entstehen praktikable Checklisten zur umweltbewussten Unternehmensführung für alle Bereiche und Ebenen. Winter veröffentlicht seine Idee in der Publikation „Das umweltbewusste Unternehmen“. Das Buch erscheint 1987 und findet große Verbreitung, es wird in zwölf Sprachen übersetzt.

Das Winter-Modell lebt

Heute tragen zwei sehr aktive Verbände den Gedanken des umweltorientierten Managements weiter. 1984 rief Dr. Georg Winter in Zusammenarbeit mit Dr. Maximilian Gege den Bundesdeutschen Arbeitskreis für Umweltbewusstes Management B.A.U.M. e.V. ins Leben. Ab 1989 widmete sich Prof. Dr. Maximilian Gege hauptberuflich als geschäftsführendes Vorstandsmitglied dem Aufbau von B.A.U.M. e.V. Dr. Winter war seit Gründung bis Ende 2004 Vorstandsvorsitzender. B.A.U.M. e.V. wurde im Jahre 1991 vom Umweltprogramm der Vereinten Nationen in die „500 Roll of Honour“ aufgenommen.

Im gleichen Jahr initiierte Winter das internationale Netzwerk für umweltbewusstes Management (INEM e.V.) und war auch dessen Vorstandsvorsitzender bis 2004. IMEM gehören mittlerweile zahlreiche Wirtschaftsverbände für umweltbewusstes Management und Cleaner Production Centers in Industrieländern, Ländern Mittel- und Osteuropas und Entwicklungsländern an. 2003 wurde INEM vom Club of Budapest mit dem „Change the World-Best-Practice Award“ ausgezeichnet.